Gebet um sozialen Frieden ab sofort jeden 3. Samstag im Monat – 11.45 Uhr – 12 Uhr, auf dem Haller Marktplatz.


weitere Info



Samstag, 12. Juni 2010

Kirchlicher Widerstand gegen Sparpaket

„Sonntagspredigt“ der Katholischen Kirche im Haller Tagblatt und im Hohenloher Tagblatt für die Samstagsausgabe am 12.06.2010

Als Margot Käßmann von den Streichungsbeschlüssen der Bundesregierung erfuhr, hat sie sich erschrocken gefragt, „ob Hartz-IV-Empfänger weniger Würde als andere Menschen haben". Das war natürlich eine rhetorische Frage, denn selbstverständlich haben alle Menschen dieselbe unantastbare Würde. Ich denke, Frau Käßmann drückt damit aus, was alle anständigen Menschen vom sogenannten Sparpaket halten: Es ist ein Angriff auf die Würde der Armen. Die Bundesregierung bezeichnet die Sparmaßnahmen als ausgewogen und sozial verträglich. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Armen einseitig zur Ader gelassen werden, während die Besitzenden unangetastet bleiben.

Die Verletzung der Würde besteht aus christlicher Sicht in der eklatant ungerechten Lastenverteilung. Während diejenigen, die nichts haben, die Hauptlast tragen sollen, werden die Superreichen gar nicht angetastet. In Deutschland besitzen 10 Prozent der Bevölkerung über 60 Prozent des gesamten Vermögens, mit dem sie sich steuerlich so wie so nicht am Gemeinwohl beteiligen und jetzt auch von keinen Sparmaßnahmen betroffen sind. Die restlichen 90 Prozent, die nicht einmal die Hälfte des Vermögens besitzen, bezahlen mit ihrer Einkommenssteuer den Löwenanteil der Staatsausgaben. Besonders belastet sollen aber diejenigen werden, die aus dem Erwerbsleben ausgeschieden wurden und unter dem Existenzminimum leben. Hartz- IV-Empfängern soll das Elterngeld komplett gestrichen werden und sie werden künftig auch nicht mehr rentenversichert. Außerdem soll der Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger wegfallen. Für Hartz-IV-Familien bedeutet das eine fortgesetzte Entwürdigung und dauerhafte soziale Ausgrenzung. Was soll eine Familie mit zwei Kindern von den 5,30 Euro, die zur täglichen Ernährung für sie zur Verfügung stehen, eigentlich noch einsparen? Mutet man ihr zu, dass sie sich mit den Kindern im Winter in öffentlichen Wärmestuben aufhalten, weil sie sich die Heizkosten nicht mehr leisten können?

Als christliche Kirchen ergreifen wir Partei für die Benachteiligten. Nicht um unserer eigenen Moralvorstellungen wegen, sondern weil uns die Botschaft, für die wir stehen, keine andere Wahl lässt. Der christliche Glaube ermöglicht es uns, in unserem leidenden Mitmenschen Gott selber zu begegnen. Die Armen in der Bibel sind in der Regel nicht zufällig arm, sondern Opfer ungerechter Verhältnisse. Sie sind arm gemacht, vergleichbar mit dem Mann, der unter die Räuber gefallen ist; mit ihm identifiziert sich Jesus. Den Armen wendet er sich zuerst zu, ihnen gilt seine erfreuliche und befreiende Botschaft. Deshalb besteht der wahre Gottesdienst der Kirchen bis heute darin, Gerechtigkeit zu schaffen. Dem wollen wir als Katholische Kirche in Schwäbisch Hall öffentlich sichtbaren Ausdruck verleihen, indem wir heute um 11.55 Uhr zu einem Gebet für den sozialen Frieden am Pranger auf dem Marktplatz einladen.

Pastoralreferent Wolfram Kaier

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen