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Freitag, 23. Juli 2010

Weiße Kreuze erinnern an die Drogentoten

Am 21. Juli 2010 Bundesweiter Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige – Öffentliches Gedenken in Schwäbisch Hall – Kritik an unzureichendem medizinischem Hilfsangebot im Landkreis.

Die Drogeninitiative „Raphael“, der Drogenkontaktladen „POINT“ und die Selbsthilfegruppe für Angehörige und Freunde beteiligen sich in Schwäbisch Hall am 21. Juli zusammen mit der Drogenseelsorge am bundesweiten Gedenktag für Drogentote. Auf dem Grasmarkt vor dem H&M gibt es zwischen 15 und 18 Uhr einen Info-Stand zur Situation der Drogenabhängigen in Schwäbisch Hall. Um 16 Uhr erinnern in einer Trauerfeier weiße Kreuze und brennende Kerzen an die Toten. Der Gedenktag steht unter der Schirmherrschaft von Frau Mechthild Dyckmans, Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

Ansprache bei der öffentlichen Trauerfeier in Schwäbisch Hall:

Am heutigen Gedenktag gehen unsere Gedenken besonders zu Reinhard und Chris. Wir sehen sie noch ganz lebendig vor uns. Beide sind lange Zeit Besucher im POINT gewesen. Und wenn man sich so lange kennt, wächst auch eine Vertrautheit zu einander. Beide waren uns ans Herz gewachsen und bei beiden hat die Kraft fürs Weiterleben nicht mehr gereicht. Als wir von ihrem Tod erfahren haben waren wir schockiert und sehr, sehr traurig. Die anderen drei Verstorbenen waren keine Besucher im POINT, aber auch ihrer wollen wir heute gedenken. Sie und wir alle sind Töchter und Söhne des einen Gottes. Er hat uns eine tiefe Sehnsucht nach Erfüllung, Liebe und Sinn ins Herz geschrieben. Das treibt uns an auf unsrem Lebensweg. Aber manche von uns kommen damit nicht klar. Sie spüren ihre Sehnsucht als Enttäuschung und Schmerz in ihrer Seele. Den Schmerz vertreiben sie mit Drogen und die Sehnsucht erfüllen sie sich mit flüchtigem Rausch. Aber bald nehmen sie die Drogen nur noch, um nicht die Schmerzen des Entzugs erleiden zu müssen. Von früh bis spät sind sie auf der Jagd nach Drogen oder Geld, um sich die Drogen kaufen zu können. – Ein elendes Leben, bei dem die meisten sich selber verlieren.

Es ist ein Glück für viele, dass es das Substitutionsprogramm gibt, das ihnen helfen will, langsam einen Weg aus der Sucht heraus zu finden. Unter ärztlicher Aufsicht bekommen sie die Ersatzdroge und Sozialarbeiter begleiten sie dabei. Aber für viele bleibt dieser Weg der Hoffnung verschlossen, weil nur ganz wenige Aärtze bereit sind, diese Behandlung zu übernehmen. Und der Landkreis Schwäbisch Hall, der die Verantwortung für die Gesundheitsversorgung inne hat, war bis heute nicht in der Lage, die Lücke in der Substitution zu schließen. Nach meiner Einschätzung fehlen im Landkreis mindestens 300 Substitutionsplätze. So schleppen sich viele schwer kranke Drogenabhängige zu Ärzten in den benachbarten Landkreisen. Andere besorgen sich auf der Straße auf eigene Faust die Ersatzdroge. Und vile bleiben dabei auf der Strecke. Ihre Lebenskraft ist aufgebraucht, ihr geschwächter Körper macht nicht mehr länger mit.

So gilt Chris und Reinhard und allen anderen heute unser Gedenken. Die über 30 weißen Kreuze mit ihren Namen und die brennenden Kerzen sollen daran erinnern, dass sie einmal liebenswerte Menschen waren, für ihre Eltern, ihre Partnetrinnen und Partner und für uns. Jeder einzelne hatte ein unverwechselbares Gesicht und einen großen Lebenstraum im Herzen.

Wir trauern um die Toten, wir sorgen uns aber um die Lebenden. Für sie hoffen wir, dass in unserem Landkreis die Substitutionsbehandlung bald für alle zugänglich wird, die sie brauchen, und dass auch in Baden-Württemberg die Substitution mit medizinischem Heroin bald eingeführt wird, nachdem der Bund das jetzt ermöglicht hat. Eine gute Substitutionsbehandlung wird das Leben vieler Drogenabhängiger retten. Aber nicht nur das, es wird ihnen ein Leben in Würde ermöglichen, ohne Prostitution, ohne Kriminalität, ohne psychische und soziale Verelendung.

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